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"Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein,
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können
(...)
Wenn wir dann alt sind
und unsere Tage knapp,
und das wird sowieso passieren,
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren –
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.
Also lass uns doch Geschichten schreiben,
die wir später gern erzählen.
Lass uns nachts lange wach bleiben,
auf´s höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.
Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,
sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern,
bis die Wolken wieder lila sind..."
Julia Engelmann
Vor einigen Tagen ist mir Julia Engelmanns Text wieder eingefallen und er lässt mich nicht mehr los. Denn seit ihrem berühmten Auftritt vor 12 Jahren scheint sich in unserer Gesellschaft etwas verschoben zu haben. Wenn ich heute in die Zeitungen oder auf Social Media schaue, dann lese ich Artikel über zuckerfreie Weihnachtsplätzchen, Schlagzeilen über die schädliche Wirkung von Alkohol, bekomme Produktempfehlungen für Nahrungs-ergänzungsmittel und Diäten, die mich allesamt „gesünder“ machen.
Während uns Julia Engelmann noch zu dem Neujahrsvorsatz aufgerufen hat, endlich mal Dopamin zu verschwenden, unsere Träume zu leben und alles zu tun „weil wir können – und nicht müssen“, scheinen sich die beliebtesten Neujahrsvorsätze aktuell nur noch um Selbstoptimierung zu drehen: gesünder essen, keinen Alkohol trinken, mehr Sport machen.
Mein Opa wurde 1933 geboren. Als Baby bestand seine Beikost bestimmt nicht aus dem perfekten Gleichgewicht von Biogemüse, Vitamin C und Eisen. Er hat Zeit seines Lebens gerne Wein getrunken – und tut es immer noch. Ich glaube nicht, dass er jemals joggen war. Seine Liebessprache ist bekocht zu werden. Von Dry January hat er noch nie etwas gehört. Er wird diesen Januar 93 Jahre alt und er hat viele Geschichten zu erzählen.
Wenn wir jetzt nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft ein gesundes Leben führen – uns zuckerfrei ernähren, dreimal die Woche Sport machen, keinen Alkohol trinken, auf unserer Fitnessuhr jede Nacht perfekte acht Stunden Schlaf tracken und morgens brav unsere Supplemente nehmen – vielleicht, ja vielleicht werden wir dann 110 Jahre alt. Ich frage mich allerdings, ob ich unter diesen Umständen überhaupt Lust habe 110 Jahre alt zu werden. Denn zwischen mir und dem unausweichlichen Ende liegen in diesem Fall noch viele Jahre ohne genussvolle Abende mit Freunden, ohne das Staunen über einen tollen Wein, ohne unvernünftige Entscheidungen doch noch weiterzuziehen statt ins Bett zu gehen, ohne Teller voller Weihnachtsplätzchen, die süß, buttrig und vielleicht sogar nach Rum schmecken.
Ich glaube der Wissenschaft, wenn sie sagt, dass Alkohol schädlich ist. Ich trinke trotzdem gerne Wein. Nicht, weil ich denke, dass es gesund ist – sondern weil er gut schmeckt, mit seinem Facettenreichtum immer wieder begeistert und glücklich macht. Und leben glückliche Menschen nicht auch länger?
Ich halte nichts von Diäten. Am Ende erinnert sich keiner mehr daran, welche Zahl wann auf der Waage stand. Wohl aber an ein besonders gutes Weihnachtsessen.
Ich habe den Schrittzähler auf meinem Smartphone ausgeschaltet. Ich habe überhaupt keine Lust, 10.000 Schritte zu laufen, weil ich muss. Ich liebe es aber mit meinem Hund spazieren zu gehen, die Landschaft im Verlauf der Jahreszeiten zu beobachten und mich dabei über einen schönen Sonnenuntergang zu freuen. Und wahrscheinlich bekomme ich so die 10.000 Schritte trotzdem voll – ich weiß es nicht.
Ich möchte kein Armband, das mir sagt, ob ich gut geschlafen habe, und mir rät, morgen doch bitte früher ins Bett zu gehen. Natürlich bin ich gerne ausgeschlafen. Aber können Augenringe nicht auch eine Art Errungenschaft besonderer Zeiten sein? Ich möchte kaum eine Partynacht in meinem Studentenleben missen. Genauso wenig, wie die erste Zeit mit meinem Baby. Beide Zeiten haben nicht viel gemein – außer, dass sie sicherlich nicht von besonders viel Schlaf geprägt waren.
Deshalb nehme ich mir für 2026 nicht, wie 52% der Deutschen vor, mehr Geld zu sparen. Sondern lieber mein Geld für Dinge auszugeben, die mich glücklich machen. Ich möchte mich auch nicht gesünder ernähren (50% der Deutschen), sondern möglichst oft richtig lecker kochen und mich in Restaurants verwöhnen lassen. Und ganz sicher werde ich nicht weniger Alkohol trinken, sondern freue mich jetzt schon wie eine Schneekönigin auf all die guten Flaschen Wein, die im nächsten Jahr auf mich warten.
Vielleicht haben Sie ja auch Lust, ein paar Neujahrsvorsätze für 2026 aufzuschreiben? Mit einer einzigen Regel: sie sollen nicht vernünftig sein, sondern von Herzen glücklich machen. Denn was nutzt einem ein langes Leben, wenn es kein erfülltes Leben ist?
Josefine Schlumberger